Der lange Mann von Hof

Der lange Mann von hof

Die Auguststraße in Hof hieß früher Mord- und Judengassen Sie war damals eine dreckige und stinkende Gasse. Häufig nahmen Seuchen hier ihren Anfang. Vor diesen Seuchen zeigte sich hier oft ein großer starker Mann. Sein Gesicht und seine Kleider waren kohlschwarz und er war so groß, dass er selbst in die Dachfenster der größten Häuser sehen konnte. Außerdem schritt er immer mit gespreizten Beinen durch die Gasse.

Von diesem langen Mann berichteten auch die Gebrüder Grimm in ihrem Werk deutsche Sagen. Überliefert wurde die Sage aber von dem Hofer Chronist Enoch  Widmann, der über den Beginn der großen Pest im Jahr 1519 berichtet: „Vor diesem Sterben hat sich bei Nacht ein großer, schwarzer, langer Mann in der Mordgasse sehen lassen.“ Dieses riesige Gespenst stand mit ausgebreiteten Schenkeln in der Gasse und rührte sich nicht von der Stelle. Der eine Fuß stand bei der Einfahrt des Wirtshauses und der andere gegenüber bei dem großen Haus. Der Kopf ragte hoch über die Häuser hinweg. Die Ahnfrau des Chronisten, Walburg Widmännin musste am Abend durch die Gasse gehen und erschrak sehr vor diesem Gespenst. Sie wusste erst gar nicht was sie tun sollte: Besser zurückgehen oder doch weiter? Schließlich „hat sie es in Gottes Namen gewagt, ein Kreuz vor sich gemacht und ist mitten durch die Gassen, also zwischen den Beinen hindurch gegangen“. Als sie nun gerade durch den Beinen hindurch war, schlägt das Gespenst seine Beine hart zusammen. Das machte so einen Krach und hörte sich so an, als ob die ganzen Häuser der Mordgasse einstürzten. Von da an wurde der lange Mann nie mehr gesehen. Aber am nächsten Morgen war die Pest in Hof. Das Sterben fing in der Mordgasse an und breitete sich rasch auf die ganze Stadt aus. Und auch das Umland wurde nicht verschont, denn von hier aus griff sie auf Oelsnitz und Plauen über und verbreitete sich rasch im gesamten Vogtland, das in furchtbarer Weise verheert und entvölkert wurde. In dieser schrecklichen Zeit sah man einen weißen Raben im Vogtland umher fliegen, der rief den Leuten zu „Esst nur recht Rapunzika, sinsten kimmt kein Mensch dava!“  [1] [2] [3]

Wenn wir den Ursprung dieser Sage erkunden wollen, müssen wir die Geschichte wieder auftrennen und die verschiedenen Einflüsse einzeln untersuchen. Da das sehr umfangreich wird, teile ich die Untersuchung in drei Teile. In einem Teil beschäftigen wir uns mit dem langen Mann also mit dem Riesen. Wir werden erkunden, was es mit ihm auf sich hat und wieso er sich gerade in der Mordgasse zeigt. Dazu gibt außerdem noch eine weitere interessante Sage von einem langen Mann, ganz in der Nähe der Mordgasse, zu erzählen. Deswegen wird das ein eigener Teil werden, genauso wie die Geschichte über den weißen Raben der über das Vogtland flog. Heute soll es erstmal um den Herrn Wittmann gehen, der den langen Mann mit dem Pestausbruch von 1519 in Hof in Verbindung bringt.

Enoch Widmann und die Chronik von Hof

Enoch Widmann war eine reale Person. Er wurde am 21. Dezember 1551 in Hof geboren und starb am 17. Dezember 1615, ebenfalls in Hof. Als Geschichtsschreiber und Rektor des Hofer Gymnasiums erlangte er lokale Berühmtheit, sogar eine Straße wurde in Hof nach ihm benannt. Verdient gemacht hat sich Widmann vor allem durch das Erstellen der Stadtchronik von Hof. Er stellte sie im Jahr 1592 fertig und ergänzte sie weiter bis 1612.[4] In seiner Chronik vermischte er teilweise reale Begebenheiten mit Geschichten die wir heute als Sagen und Mythen bezeichnen würden, die für ihn und seine Zeitgenossen aber als absolut real angesehen wurden. So schrieb er unter anderem folgendes über den Pestausbruch im Jahr 1519:

„1519. Die Pestilenz regierte in dem Jahr dahier heftig. Ueber elfhundert Personen fanden durch sie ihren Tod.
Vor diesem Sterben hatte sich bei Nacht ein großer, schwarzer, langer Mann in der Mordgasse sehen lassen, welcher mit seinen ausgebreiteten Schenkeln die zwei Seiten der Gasse betreten, und mit dem Kopfe hoch über die Häuser hinausgereicht hat.
Es waren aber im Papstthum und bei unserer Vorältern Gedenken solche Gespenste sehr häufig, und die Teufel so kirre und heimlich, dass die nicht allein in den Häusen, als Schretlein und kleine Teufelein, sondern auch auf den Gassen ganz ungescheut sich sehen ließen, und den Leuten zu schaffen machten; vornämlich aber in der Mordgasse und bei den Fleischbänken.“ [5]

Der Glaube an Spukgestalten war ganz normal

Schretlein bedeutet so viel wie kleiner Schrat oder Kobold.[6] An so was glauben wir heute natürlich nicht mehr, genauso wenig wie an den oder die Teufel, egal ob groß oder klein. Auch Riesen verbannen wir in das Reicht der Fantasie. Deshalb kommt es uns auch komisch vor, dass ein Geschichtsschreiber solche mystischen Figuren in einer Stadtchronik erwähnt. Es eröffnet uns aber einen Einblick in die Weltanschauung der Menschen damals. Der Glaube an Gott, aber auch an Engel, Teufel und auch an solche Wesen war damals tief verwurzelt. So hatten auch diese Geister, in der Vorstellung der Leute, eine Macht über Menschen und Tier. Und nicht nur das, sie konnten auch die Umwelt beeinflussen und riefen Krankheiten hervor.

Diese Ansicht hatte nicht nur das einfache Volk, auch gebildete Leute, wie unser Enoch Widmann, glaubten an so einen Spuk. Deshalb war es auch ganz normal, dass ein langer schwarzer Mann eine so verheerende Epidemie auslöste oder sie zumindest ankündigte. Das lag auch daran, dass es die Leute damals nicht besser wussten. Ihnen fehlte damals einfach das Wissen um die Krankheit. Man kannte nur die Symptome und die Auswirkungen der Krankheit. Es fehlten aber schon die einfachsten Kenntnisse über die Übertragungswege und die Wirkungsweise der Pest. Dadurch blieb sehr viel Raum, für Spekulation, Aberglaube und magische Vorstellungen. So half man sich bei der Bekämpfung mit abergläubischen Ritualen, allerlei Heilkräutern und verschieden harten Versuchen, kranke Menschen zu isolieren.

Alexandre Yersin entdeckt das Pestbakterium

Der Erkenntnisfortschritt bei der Suche nach Heilung ging nur sehr langsam voran. Es dauerte noch bis 1894 bis der Arzt und Bakteriologe Alexandre Yersin das später nach ihm benannte Pestbakterium Yersinia pestis entdeckte, das für die Übertragung und dem Ausbruch der Pest verantwortlich ist. Er entwickelte auch ein erstes Serum gegen Pest. Allerdings konnte er dieses Serum noch nicht in so großer Menge herstellen um die millionenfache Ausbreitung in China und Indien zu jener Zeit zu stoppen. Erst durch die Entdeckung und Entwicklung von Antibiotika konnte die Pest weitestgehend eingedämmt werden.[7]

Neueste Erkenntnisse über die Pest durch Gentechnik

Neue weitreichende Erkenntnisse über die Pest brachte uns in den letzten Jahren die Gentechnik. In Zusammenarbeit mit der Archäologie konnten deshalb Verläufe vieler Pestpandemien nachgezeichnet werden. Man fand heraus, dass eine frühe Form der Pest erstmals vor etwa 4800 Jahren in Europa auftrat. Die Krankheit ließ sich in Skeletten aus ganz Europa nachweisen. Diese erste Art der Pest entwickelte sich in Asien vor rund 5500 Jahren und wurde wahrscheinlich von Pferden übertragen.[8]

Auf Europa wirkte diese Art der Pest genauso verheerend wie spätere Formen der Krankheit. Große Teile der Bevölkerung starben. Erst dies ermöglichte wohl die schnelle und umfassende Ausbreitung von indogermanischen Volksgruppen in Europa, die mit diesem Pesterreger schon eher in Berührung kamen. Sie wiesen wohl schon eine gewisse Immunität auf und kamen zusätzlich in ein entvölkertes Land. Allerdings sind diese Aussagen noch nicht hinreichend untersucht und nachgewiesen und beruhen lediglich auf Indizien.[9]

Gesichert ist dagegen die Erkenntnis, dass dieser erste Pest Erreger vor etwa 3500 Jahren ausstarb. Diese erste Seuche kehrte also etwa 1000 Jahre lang immer wieder, in einem Zeitrahmen von vor 4800 bis vor 3800 Jahren. Dadurch sank die Bevölkerungsdichte und die Krankheit konnte sich nicht mehr effizient ausbreiten. [10]

Die Beulenpest nutzt Floh und Ratte zur Ausbreitung

Aber schon im selben Zeitraum, also vor etwa 3800 Jahren tauchte erstmals in der Region Samara eine neue Version des Erregers auf, die Beulenpest. Diese wurde wie bei den Pestwellen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit von Flöhen übertragen. Ein wichtiges Wirtstier des Flohes war die Hausratte. Der Erreger konnte sich so mit der Ratte ausbreiten und wurde dann durch den Floh auf den Menschen übertragen. Das war eine wahrlich effiziente Kombination. Mit der Expansion des Römischen Reiches entstanden neue Handelswege und Straßen. Diese Straßen, eine höhere Bevölkerungszahl und ein dadurch vermehrter Handel ermöglichten dann wieder eine große Ausbreitung der Hausratte. All das waren die Grundlagen für die schnelle Ausbreitung der Pest. [11]

Die Justinianische Pest

Die erste bekannte Pandemie der Beulenpest war die sogenannte Justinianische Pest. Sie wurde erstmals im Jahr 541 in Ägypten von schriftlichen Quellen belegt. Von hier aus breitete sie sich rasch aus. 542 erreichte sie die Hauptstadt des Oströmischen Reiches Konstantinopel. Die Krankheit wütete schwer in der Stadt und machte auch vor Kaiser Justinian nicht halt. Er überlebte die Krankheit und wurde zum Namensgeber der Pandemie. Die Justinianische Pest war vermutlich eher ein städtisches Problem, bei dem die ländlichen Regionen wenig betroffen waren. [12] Dennoch wurde dadurch der Zusammenbruch des Weströmischen Reiches beschleunigt. Ebenso verhinderten die ständigen Pestwellen eine Wiederherstellung des Imperiums durch den Oströmischen Kaiser. Bis zum Jahr 770 kam es wiederkehrend zu mindestens 18 Ausbrüchen in ganz Europa. Wir sprechen dabei von einem Ausbruch etwa alle 10 Jahre.[13]

Schließlich starb nach 770 diese Linie des Yersinia-pestis-Bakteriums aus. Denn durch den Rückgang der Bevölkerung ging auch die Population der Hausratte zurück. Wieder einmal hatte sich das Bakterium so selbst die Grundlage entzogen. Erst als im späten Hochmittelalter die Städte wuchsen, der Wohlstand stieg und der Handel florierte, vermehrte sich die Hausratte erneut.[14]

Der Schwarze Tod kam über die Halbinsel Krim

Mit dem Beginn der zweiten Pandemie in Europa, hatten die Ratten allerdings nichts zu tun. Sie sorgten nur für die effiziente Ausbreitung, nachdem es einmal da war. Die Linie des Pestbakteriums, das wir heute als den Schwarzen Tod kennen, begann wohl in Zentralasien. Erste Berichte von dieser Pest kamen vom Yssykköl-See im heutigen Kirgisien im Jahr 1339. Dann hört man 1345 wieder von der Pest, diesmal von der unteren Wolga aus dem Reich der Goldenen Horde. [15] Dieses Reich der Goldenen Horde war ein Nachfolgereich des großen Mongolenreiches von Dschingis Khan. Sie waren 1346/47 im Krieg mit der Republik Genua und wollten die Stadt Kaffa – heute Feodossija – im östlichen Teil der Krim erobern.[16] Viele der mongolischen Belagerer waren bereits an der Pest erkrankt und gestorben und übertrugen die Krankheit auch in die Stadt. Dabei sollen laut Berichten auch mit der Pest infizierte Leichen mit Katapulten in die Stadt geschleudert worden sein. Allerdings ist diese Geschichte wohl erfunden und stammte aus der Feder des Gabriele de Mussis aus Piacenza, der 1348 über die Pest in Italien geschrieben hat.[17]

Egal auf welche Weise die Pest in die Stadt kam, es animierte die Menschen dazu aus der Stadt zu fliehen. Ein Großteil wollte auf dem Seeweg zurück nach Italien. Allerdings hatten sie die Pest mit an Bord. Viele der flüchtenden Menschen werden schon an Bord gestorben sein.[18] Die überlebenden Flüchtlinge steckten dann entlang der Handelswege der Genueser die Menschen in den Hafenstädten an. Von hier aus sorgten dann die Ratten aber auch der Kontakt der Menschen untereinander für die weitere Ausbreitung der Krankheit.

Der Schwarze Tod kehrte bis in zum 18. Jahrhundert immer wieder zurück

Der Schwarze Tod war eine der verheerendsten Pandemien der Weltgeschichte. In Europa starben zwischen 1346 und 1353 schätzungsweise 25 Millionen Menschen an der Pest, das war ungefähr ein Drittel der damaligen Bevölkerung. [19]

Vom 14. bis zum 18. Jahrhundert schlug der gleiche Pesterreger immer wieder zu, so auch in Hof im Jahr 1519. Wie man heute weiß, kam das Pestbakterium nicht immer wieder von außerhalb nach Europa, zum Beispiel über Handels- oder Seewege. Vielmehr war es so, dass die Menschen bei jeder Ausbreitung immun gegen das Pestbakterium wurden. Diese Immunität konnte aber nur bekommen, wer Kontakt mit der Krankheit hatte. Jüngere Generationen hatten Immunität nicht, weil sie diesen Kontakt mit der Krankheit nicht hatten. Dadurch sank  mit der Zeit die allgemeine Immunität der Bevölkerung wieder und die Pest konnte nach etlichen Jahren wieder zurückkehren. Das erklärt auch, warum bei späteren Pestausbrüchen überdurchschnittlich viele Kinder starben. Zwischen diesen Pestwellen überlebte das Pestbakterium wahrscheinlich in den riesigen Rattenpopulationen Europas. [20]

Im 18. Jahrhundert wütete die Pest zum letzten Mal in Europa. Vermutlich ist die Einwanderung der Wanderratte daran schuld. Es klingt erstmal komisch, dass gerade eine Ratte für den Rückgang der Pest verantwortlich ist. Wie es aber scheint, verdrängte die Wanderratte die Hausratte aus ihrem Lebensraum. Zwar kann auch die Wanderratte mit der Pest infiziert werden, allerdings lebt diese weit weniger eng mit dem Menschen zusammen, die Chance der Übertragung ist also viel geringer. Wahrscheinlich aus diesen Gründen ist die Pest heute nicht mehr in Europa anzutreffen.[21] Und sollte sie doch wiederkehren hat sie doch ihren Schrecken verloren, da wir heute geeignete Behandlungsmethoden zur Bekämpfung der Pest haben.


[1] Andreas Reichhold, Sagen aus Bayerns Nordostgebieten, 8. Auflage (Hof: Hoermann Verlag, 1976).

[2] Brüdern Grimm, Deutsche Sagen, 1. Auflage, Bd. 1 (Berlin: NicDann höolai, 1816).

[3] Robert Eisel und Harald Rockstuhl, Sagenbuch des Voigtlandes 1871 - 1030 Sagen aus dem Vogtland, 2., bearbeitete und ergänzte Auflage (Bad Langensalza: Rockstuhl, 2009).

[4] „Enoch Widmann“, in Wikipedia, 7. Juni 2020, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Enoch_Widmann&oldid=200717422.

[5] „MDZ-Reader | Band | Chronik der Stadt Hof / Widmann, Enoch | Chronik der Stadt Hof / Widmann, Enoch“, zugegriffen 22. Dezember 2020, https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10380916_00110.html.

[6] „Schrat“, in Wikipedia, 28. Oktober 2020, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Schrat&oldid=204960687.

[7] „Der Pest-Erreger wird entdeckt - Dem ‚Schwarzen Tod‘ den Schrecken genommen“, Deutschlandfunk, zugegriffen 26. Dezember 2020, https://www.deutschlandfunk.de/der-pest-erreger-wird-entdeckt-dem-schwarzen-tod-den.871.de.html?dram:article_id=289588.

[8] Johannes Krause und Thomas Trappe, Die Reise unserer Gene: Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren, 10. Aufl. (Ullstein eBooks, 2019).

[9] Krause und Trappe.

[10] Krause und Trappe.

[11] Krause und Trappe.

[12] „Justinianische Pest“, in Wikipedia, 22. Oktober 2020, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Justinianische_Pest&oldid=204793351.

[13] Krause und Trappe, Die Reise unserer Gene.

[14] Krause und Trappe.

[15] „Schwarzer Tod“, in Wikipedia, 22. Dezember 2020, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Schwarzer_Tod&oldid=206802337.

[16] „Feodossija“, in Wikipedia, 9. Oktober 2020, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Feodossija&oldid=204393823.

[17] „Goldene Horde“, in Wikipedia, 5. Dezember 2020, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Goldene_Horde&oldid=206272251.

[18] Krause und Trappe, Die Reise unserer Gene.

[19] „Schwarzer Tod“.

[20] Krause und Trappe, Die Reise unserer Gene.

[21] Krause und Trappe.


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