Der Kobersfelsen


Der schönen Gräfin Elisabeth von Burgk lagen die Ritter der Umgebung zu Füßen. Aber sie liebte allein den Ritter Kober. Allerdings machte sie ihm aus unerklärlichen Gründen keine Hoffnung. Ja, sie bevorzugte extra noch andere und kränkte ihn mit beißendem Spott. Vielleicht war sie einfach zu stolz, sich selbst ihre Gefühle einzugestehen und ihm ihre Gefühle zu zeigen.

Eines Tages verkündete sie, dass sie nur den heiraten würde, der mit dem Pferd über die Saale spränge, und zwar vom hohen Felsen, der die Saale an der Stelle überragt, wo sie einen Knick im rechten Winkel macht.

Alle Ritter winkten mit der Begründung ab, das sei doch Wahnsinn. Doch der Ritter Kober versuchte den Sprung, gegen alle Einwände seiner Freunde und Mitstreiter. Er nahm langen Anlauf mit seinem schnellen Pferd und sprang kräftig ab. So erreichte er sogar das gegenüber liegende Ufer, doch bei der Landung brach sein Pferd zusammen und begrub ihn unter sich. Man brachte ihn nach Burgk, wo er in den Armen der herzlosen Gräfin verstarb.

Die Gräfin erkannte ihren großen Fehler, gab ihren Titel auf und ging ins nahe Kloster zum Heiligen Kreuz, um als Nonne ihren Leben einen wahrhaften Sinn zu geben. Jener Felsen, der am Saaleknick stolz in die Höhe reicht nannte man seit der Zeit den Kobersfelsen.

Sehen wir uns nun die Sage etwas genauer an. Gleich der erste Satz beginnt mit der schönen Gräfin Elisabeth von Burgk. Bei den meisten Sagen, die wir uns angesehen haben, gab es keine konkreten Namen, hier schon. Das ist ein Ansatz für eine Recherche, die aber schnell im Sand verläuft. Denn forscht man nach diesem Namen, findet man eine Elisabeth Sibylle Reuß zu Burgk, die in Ebrach bei Bamberg in Franken geboren wurde. Allerdings liegt ihr Geburtstag, der 15. September 1627, mitten im Dreißigjährigen Krieg und so schon weit nach der Ritterzeit. Außerdem ist sie auch am 9. Januar 1703 auf Schloß Burgk gestorben, so kann ausgeschlossen werden, dass sie ins Kloster ging, erst recht nicht in Kloster zum Heiligen Kreutz, das wurde ja schon in den 1520er Jahren im Zuge der Reformation aufgelöst. Eine andere Elisabeth ist in Burgk aber nicht bekannt, es wäre auch überraschend, wenn ein so unbedeutender Name vom Mittelalter bis in die Neuzeit mündlich weitergegeben worden wäre. Um sich das zu veranschaulichen kann man es auf die heutige Zeit übertragen und fragen: Wer weiß schon wie die Kinder des Landrates heißen? Und wenn man es richtig vergleichen will, muss man nach den Kindern des Landrates von vor 30 Jahren Fragen, und wir lesen heute täglich Zeitung und im Internet. Zurück ins Mittelalter übertragen heißt das, die gemeinen Leute kannten die Kinder der Herren auch nicht, außer sie waren als Nachfolger auserkoren. Wir können also davon ausgehen, der Elisabeth hat seine Weg erst viel später in die Geschichte gefunden, denn eine Tochter des Herren von Burgk war auf keinen Fall so wichtig, dass man noch 100 Jahre später ihren Namen kannte, geschweige denn 500 Jahre später.

Auch ein Ritter Kober ist in schriftlichen Aufzeichnungen nicht zu finden. Im Mittelhochdeutschen bedeutet ein kober Ritter, er ist ein eifriger, angriffslustiger Ritter. Vielleicht war ja der Ritter aus der Sage ein besonders eifriger und mutiger Ritter, dennoch ist zu bezweifeln ob er oder ein anderer Ritter jemals versucht hat, an der Stelle die Saale mit einen Pferd zu überspringen. Möglicherweise ist dort am Felsen auch mal ein Ritter tödlich abgestürzt und ist so Vorlage für die Sage geworden, allerdings belegen lässt sich das in keiner Form.

Namenskundler und Geschichtsforscher deuten die Herkunft des Namens von einer alten Bezeichnung für steiler Abhang und Felsschlucht, die im Mittelhochdeutschen die Kobel bezeichnet wird. Das Wort Kofel für Bergspitze, hat sich davon abgeleitet, man findet es heute noch in einigen Namen von Bergen wieder, vor allem in den Alpen. Geschichtsforscher bezeichnen den Felsen auch als eine wichtige frühe Kultstätte und vielleicht sogar als einen heiligen Berg. Wie der Saalaltar wurde dieser Felsen für religiöse Verehrung von Naturgottheiten und für religiöse Feste genutzt, bei der auch Opferhandlungen durchgeführt wurden. Besonders das Motiv des Sprunges und das nicht überleben des Springers deuten sehr darauf hin, dass hier auch Menschen geopfert wurden und vom hohen Felsen gestoßen wurden. Diesen Schluss kann man gut nachvollziehen, wenn man die Sage mit anderen Sagen, mit ähnlichen Motiv, vergleicht. Das ist das Prinzip der vergleichenden Sagenforschung, die immer wieder ähnliche Sagenmotive miteinander vergleicht und so zu manchmal erstaunlichen Ergebnissen kommt.

Ziehen wir ein Fazit. Wir können sagen, die Geschichte hat nie so stattgefunden. Das Motiv des Sprunges, das wohl von Opferritualen her rührt, kann man getrost als den ältesten Teil der Sage betrachten. Die Geschichte vom eitlen Burgfräulein, deretwegen der wagemutige Ritter den Sprung wagte, kam zu einem späteren Zeitpunkt in die Sage und diente ab da als Erklärung dafür, warum der Felsen den Namen Kobersfelsen trägt. Natürlich darf in einer guten Geschichte die Sühne für die Eitle Tat nicht fehlen, die mit dem Einzug des Burgfräuleins im nahen Kloster zum heiligen Kreutz erfolgte. Und zu guter Letzt, gab man dem Burgfräulein auch noch einen Namen, denn so wirkt die Geschichte noch authentischer und wahrhafter.






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