Das Heilige Licht von Ziegenrück


Unsere heutige Sage dreht sich um die Burg Ziegenrück. Hier lebte einst ein junger Burgherr mit seiner Frau. Allerdings war er als gewalttätig und grausam gegen seine Untertanen bekannt. Und auch gegenüber seinen Angehörigen war er lieblos und roh. Seine Gemahlin versuchte alles um ihn zu einem besseren Menschen zu machen, aber es gelang ihr nicht.

In ihrer Not wandte sie sich an den Erzbischof von Mainz. Er sollte sie beraten, was man denn da tun könne. Er konnte ihr aber auch keine Antwort geben und vermittelte Sie an den Heiligen Vater in Rom weiter. Und dieser wusste auch Rat. Sie solle eine Pilgerfahrt in das Heilige Land unternehmen, das werde ihren Mann schon läutern. Vorher wurde von Ihrer aber ein großes ansehnliches Geschenk an die Kirche erwartet.

Sie tat wie ihr geheißen wurde und vermachte der Kirche ein ansehnliches Geschenk. Dann machte sie sich auf den Weg ins Heilige Land. Hart und beschwerlich war der Weg zum Grab des Erlösers. Sie ertrug aber alle Lasten und Entbehrungen. Auch wenn sie oft kurz davor war aufzugeben und einfach nicht mehr in die heimische Burg zurückzukehren wollte. Doch der Glaube gab ihr immer wieder Kraft. Nach zwei Jahren kehrte sie von ihrer langen Wallfahrt Heim nach Ziegenrück. Dabei hatte sie ein heiliges Licht, das sie sich vom Grab des Erlösers mitbrachte.

Die Nachricht von ihrer baldigen Ankunft erreichte die Burg schon ein paar Tage vor ihrem Eintreffen. Auf dem letzten Stück der Reise erfuhr sie schon von der wundersamen Wandlung ihres Ehemannes. Er sei jetzt ein gerechter Herrscher geworden. Am Fuße der Feste erwartete er sie schon und trat ihr liebevoll und völlig gewandelt entgegen. So hatte die Wallfahrt nach Jerusalem ihren Zweck erfüllt. Das Heilige Licht aber wurde noch lange in der Burgkapelle aufbewahrt und erhalten.

Eine Geschichte die so passiert sein kann

Diese Geschichte müssen wir nicht zwangsläufig in einem Sagenbuch finden. Wir könnten sie genauso in einem alten Archiv entdecken, aufgeschrieben von Mönchen. Denn Pilgerfahrten waren im Mittelalter allgemein üblich, ohne Unterschied, ob Mann, Frau oder Kind. Auch Herkunft, Bildung oder der Stand spielten keine Rolle. Alle gingen auf Pilgerfahrt. Dabei gab es drei Hauptziele dieser Pilgereisen. Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem. Santiago de Compostela wurde 830 zum Wallfahrtsort ernannt, weil man hier in einem Grab die Gebeine des Apostels Jakobus gefunden hat. Zumindest versichert man das den Pilgern. Demzufolge liegt Santiago auch am Ende vom Jakobsweg, der ursprünglich aus Polen kommend, bis in den äußersten Nordosten von Spanien verlief. Dieser Weg ist heute noch sehr beliebt. Jetzt beginnt er aber auf der Nordseite der Pyrenäen in Frankreich und zieht Pilger aus der ganzen Welt an. Nach dem Besuch in Santiago war es üblich noch einen Tag weiter zum Cabo de Finisterre, also zum Kap am Ende der Erde zu ziehen. Neben dem Glauben war wohl auch die Reiselust, der Hauptgrund warum gerade dieses Ziel für Pilger so beliebt wurde. Schließlich konnte man so jeden erzählen, dass man schon am Ende der Welt gewesen ist.


Ein weiteres wichtiges Ziel von Pilgerfahrten war Rom. Schon das Sprichwort besagt, dass alle Wege nach Rom führen. Denn im Mittelalter gab es ein dichtes Netz an Altstraßen aus der Römerzeit, die vor allem von Nord-, Mittel- und Westeuropäern genutzt wurden, um Rom zu erreichen. Das Pilgerziel Rom war auf jeden Fall bedeutender als Santiago, schließlich findet man hier die Grabstätten der beiden Apostel Petrus und Paulus. Außerdem hofften die Pilger den Papst zu sehen. Mit etwas Glück konnte man ihn bei einer Generalaudienz treffen. Adlige und vor allem Personen, die der Kirche viel Geld, Land oder anderes vermachten, bekamen auch Privataudienzen.
Die Burgherrin in unserer Geschichte wird aber nicht persönlich in Rom gewesen sein. Wir können eher davon ausgehen, dass es sich um eine schriftliche Anfrage handelte, die erst an den Bischof von Mainz ging, der diese dann an den Papst weitergeleitet hat. Da die Herrin von Ziegenrück dem Adel angehörte, kann man davon ausgehen, dass der Papst die Frau als wichtig genug einstufte ihr persönlich zu antworten. Außerdem lag Ziegenrück damals in einem für die Kirche sehr wichtigen Gebiet, das noch nicht vollständig christianisiert war. Wir werden später noch darauf zurückkommen. Außerdem war ja, wie in der Sage erwähnt, eine großzügige Schenkung zu erwarten.


Die Pilgerfahrt ging dann in des dritte und vielleicht wichtigste Ziel, was Pilger im Mittelalter anstreben konnten, Jerusalem. Denn man wollte den Ort sehen, an dem Jesus gewirkt hat. An dem er starb und an dem er wiederauferstanden ist. So wollte man ihm und Gott näher kommen. Dabei glaubte man, umso größer die Mühen der Reise waren, desto weiter rückte man an Gott heran. Was auch auf einen psychologischen Effekt zurückzuführen ist, den wir alle kennen: Denn umso angestrengter wir für ein Ziel arbeiten oder kämpfen müssen, desto erhebender ist das Gefühl das Ziel dann erreicht zu haben.

In Jerusalem besuchte man die Grabeskirche, den Ölberg, die via dolorosa und weitere heilige Stätten der Christenheit. Im Heiligen Land gab es außerdem noch weitere Orte, die von den Pilgern besucht wurden: Das waren unter anderem die Orte Nazareth und Bethlehem, der See Genezareth und der Jordan.


Zur Erinnerung und um die erreichte Gottesnähe greifbar zu behalten, nahm man sich allerhand Dinge mit nach Hause. Diese standen vor allem in Verbindung mit Reliquien, wie die angeblichen Reste vom Kreuz Jesu oder Ampullen die vorgeblich mit seinem Blut gefüllt waren, was bei der Kreuzigung aufgefangen worden sein soll. Wesentlich irdischer war das Mitbringen eines Steines aus Jerusalem, das Schöpfen von Wasser aus dem Jordan oder der Erwerb von Öl aus einer Lampe der Grabeskirche.

Letzteres wird auch das Mitbringsel der Herrin von Ziegenrück gewesen sein. Da sie, wie wir annehmen recht betucht war, konnte sie sich nicht nur Öl leisten, sie kaufte gleich eine ganze Lampe. In unserer Vorstellung hat sie dabei das Licht an der Grabeskirche entzündet und nicht mehr ausgehen lassen. Diese Vorstellung ist aber von der heutigen Zeit geprägt, wo Reisen bequem sind und schnell gehen. Außerdem kennen wir die Sitte, dass alle zwei Jahre das Olympische Feuer entzündet wird und von Griechenland aus in die entferntesten Orte der Erde gebracht wird, ohne das Feuer ausgehen zu lassen. Im Mittelalter hatte man solche Vorstellungen nicht. Man glaubte, die göttliche Kraft lag in den Dingen, die man mitbrachte. Demzufolge ist es am wahrscheinlichsten, dass die gute Frau die Lampe aus dem Heiligen Land mitgebrachte und sie in der Burg bzw. in der Kapelle der Burg aufgestellte und erst dort anzündete. Dort brannte sie dann Jahr um Jahr, bis zum Jahr 1550. Denn da zerstörte ein Großfeuer die Burg mit allem Inventar.


Kommen wir zum eigentlichen Zweck der Reise und seinem Ergebnisse. Der hartherzige und tyrannische Gemahl änderte während ihrer Reise seinen Charakter. Im Grunde klingt das gar nicht so unwahrscheinlich. Denn die Reise dauerte mit Gewissheit länger als ein Jahr. Das gab dem Burgherrn reichlich Zeit, sein eigenes Handeln zu überdenken. Außerdem wird er sie auch an seiner Seite vermisst haben. Wenn vielleicht nicht in Liebe, dann doch, weil sie wichtige Aufgaben übernahm. Allerdings wird er nicht seinen ganzen Charakter geändert haben, denn das ist schlicht unmöglich, weil dieser ja angeboren ist. Aber er wird Dinge wesentlich passiver und nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand angegangen sein, was ja mit fortschreitenden Alter sowieso passiert. Der Rest ist einfach Übertreibung, die natürlich zu einer solchen Geschichte dazu gehört, um Sie spannender und erzählenswerter zu machen.


Vielleicht wollt man mit der Übertreibung auch bezwecken, den christlichen Glauben als etwas besonders Großes und wirksames hinzustellen. Denn wir dürfen nicht vergessen, zu der Zeit, in der die Geschichte mutmaßlich spielt, bestand die Bevölkerung rund um Ziegenrück vor allem aus Sorben. Der Name Ziegenrück stammt ja ursprünglich aus dem Sorbischen. Er ist auf die Bezeichnung Czegenruck zurückzuführen, was so viel wie Flussbogen oder Flussschlinge bedeutete. Wer einmal in Ziegenrück war, weiß es kann keinen zutreffenderen Namen geben. Wie wir schon in anderen Sagen aus der Region erfahren haben, war der Widerstand gegen die Christianisierung unter den Sorben besonders groß. Und gerade Ziegenrück war im 11. Jahrhundert als Bastion des Reichsgutskomplexes Saalfeld ein wichtiger Außenposten beim Versuch der Christianisierung der Bevölkerung.

Wenn wir also zusammenfassen, sehen wir schon viele Aspekte dieser Sage, die wirklich so passiert sein können. Allerdings mit der Einschränkung, dass vor allem die wundersame Wandlung des Burgherren wohl etwas übertrieben dargestellt wurde.

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